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Re: Wie es weitergeht

Eine Replik auf strategische Gedanken

Eine Antwort auf ein Youtube-Video von Gerd-Lothar Reschke: „Wie es weitergeht“


In dem letzten Wutausbruch habe ich mich gar nicht angesprochen gefühlt. Jetzt wird deutlich, dass anscheinend das „Libertäre“ das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Und nun sehe ich auch warum. Ich habe das schon X mal erlebt. Es sind die typischen, unausrottbaren Vorurteile von „Minimalstaatlern“ und Etatisten.

Die Vorurteils-Logik sieht dann (genau wie hier im Video) so aus:

Ancaps wollen kein Gewaltmonopol, also wollen sie das Gewaltmonopol und damit Staat (in Deutschland, in der Welt wohlmöglich) ganz abschaffen. Also sind libertäre Ancaps Fantasten (Spinner) mit revolutionären Gedanken, die einer Utopie anhängen. Außerdem haben sie keinen Anspruch darauf, anderen ihr utopisches Lebensmodell vorzuschreiben. Wo kommen wir denn dahin?!

Was ist jetzt wahr?

Viele Ausdrücke wie Anarchie oder Demokratie oder Republik oder Gerechtigkeit oder Gesundheit usw. sind alles Idealvorstellungen. Nichts davon tritt gesellschaftlich (oder biologisch, chemisch oder was auch immer) in reiner Form des Ideals auf. Eine Utopie wäre es zu erwarten, dass das immer so sein müsste. Deswegen sind auch Demokraten die eigentlichen Spinner, weil sie unterstellen, sie hätten Anspruch darauf, dass alle so zu leben hätten und dann noch glauben, das sei demokratisch, also eine Demokratie. (Performativer Widerspruch)

Trotzdem muss das Ideal unter einer bestimmten Perspektive nicht falsch sein. Und es muss auch nicht unwirklich sein. Es ist oft der Gedankenfehler zu glauben, ein Ideal wäre nicht „anzufassen“ also nicht real. Ein solches Ideal kann als Idee trotzdem wirklich sein. Sonst wäre die Idee ja auch nicht bewusst „wahr“nehmbar, obwohl sie tatsächlich real im Kopf vorhanden ist. Das sagt schon alles. Diese Wahrnehmung funktioniert übrigens deshalb, weil man sich dabei reale Handlungen vorstellen kann (Zählen, Sprechen, Kochen, Bohren, Konstruieren usw. Aber das führt an der Stelle zu weit. In meinem Buch ist das erklärt).

Es ist also Unsinn, alles einfach als Utopie abzutun. So gesehen sollte man Libertarismus auch nicht Utopie - als nicht wirkliches Gedankenkonstrukt - benutzen, sondern als Meta-Philosophie. Ich sage ja auch nicht, Gesundheit sei Blödsinn, weil man nie wirklich ganz gesund sein kann.

Aus diesem Grund sind Ancaps auch nicht so bescheuert und wollen in Deutschland einfach den Staat abschaffen. Obwohl es einige Verrückte dieser Art gibt, die sich das Label angeheftet haben und es so hübsch diskreditieren. Trotzdem bleibt bei den Minarchisten, Staatsverschlankern und Nachtwächtern dieser Eindruck hängen. (Wahrscheinlich aber weil sie es so sehen wollen. Das passt ja gut in ihr Weltbild über sie.)

Tatsächlich geht es also nur darum, die unterschiedlichen Lebensperspektiven (liberal, konservativ, sozial, selbstverantwortlich, anarchistisch, kollektiv usw.) zur Geltung kommen zu lassen. Das ist sogar eine Selbstverständlichkeit über die ich mich mit verständigen, ehrlichen, selbstbewussten Menschen überhaupt nicht streiten muss. Deswegen habe ich auch zuletzt den Artikel-Link über Sezession gepostet. (http://www.libertaere-rundschau.de/Warum_ist_Sezession_wichtig.html - Ist natürlich wieder nicht gelesen worden. Was soll ich machen?) Im Gegensatz dazu lehnen Politiker den Anspruch auf Sezession durch die Bank komplett ab (mit Ausnahme einiger radikal-liberaler Leute, die sich in die Politik verirrt haben. Die verfolgen die Sache aber auch nicht.)

Wenn wir das Anliegen also aus dieser „freiheitlichen“ Sicht sehen, dann wollen wir eh alle das Selbe. Jeder soll nach seiner Gusto glücklich und selbstverantwortlich sein dürfen. Jeder der das anders sieht, entblößt sich ohnehin als intolerant und nicht gesellschaftsfähig (ungesellig).

Also wo ist das Problem?

Ich ahne es schon.

Einwand 1: Wie könnte man das denn nennen, was ich beschreibe? Oh, das wäre ja „Anarchie“. Nein, Anarchie wollen wir nicht! Anarchie ist eine Utopie. Was für ein Spinner!

Teufelskreis. Oder?

Einwand 2: In dem Anliegen ist ja ein „Sollen“ drin. Ein Gesellschaftskonzept ist doch kein Wunschkonzert! Man muss sehen, was man überhaupt umsetzen kann.

Das Konzept von „GLR Wertperspektive“ ist nun, dass Gesellschaft nur aufgrund ihrer eigenen Wertsetzungen entstehen könne. Das ist zweifellos korrekt. Doch dann entwickeln diese Menschen genau die Werte, nach denen ihre Gesellschaft funktionieren SOLL.

Wieder ein Teufelskreis.

Oder es ist etwas ganz anderes mit „Werten“ gemeint. Nämlich nicht jene moralischen Werte, die Menschen „fühlen“ wie etwa „Demokratie ist gut“ oder „Flüchtlinge sind gut“ oder „Todesstrafe ist schlecht“, sondern „Werte“, die in sich schon in der Natur der Sache angelegt sind. „2+2=4“ oder der Zusammenbruch des sozialistischen Finanzsystems und überhaupt der sozialistischen „Werteordnung“, die auf Sand gebaut ist. Es sind also unverrückbare, apriorische Werte gemeint, die automatisch und natürlicherweise ein „Sollen“ vorgeben.

Um sich aus dem Teufelskreis zu verabschieden, muss man sich also nur klar machen, dass eine offene, freie, ehrliche Gesellschaft, die den Namen tatsächlich verdient, nicht mit dem Anspruch denkbar ist, dass sie allen aufgezwungen werden kann, sonst endet sie im performativen Widerspruch – wie oben mit „Demokratie“ vorgeführt. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, was das für ein Gesellschaftsmodell sein soll, solange jeder Lebensentwurf möglich ist, außer einem allerdings. Der ließe sich dann leider nicht mehr umsetzen: Unterdrückung, Bevormundung ohne Exit-Option. Das „leider“ steht für alle Modelle, die auf Ausbeutung angelegt sind (Sozialismus).

Aber meine Logik ist noch nicht ganz zu Ende.

Denn der Umkehrschluss funktioniert hier auch. Jedes Modell, dass über keine Exit-Funktion verfügt und das allen übergestülpt werden soll, ist nicht gesellschaftsfähig und unkooperativ und besitzt in sich bereits die Anlage sich zur Diktatur entwickeln zu müssen.

Das Gesellschaftsmodell, wie es sich Gerd Lothar Reschke vorstellt, wird sich also ohne Exit-Option zwar unbeabsichtigt, aber zweifelsfrei in eine neue Art „Nationalsozialismus“ entwickeln. Die Wertesetzungen waren ja schon sehr ähnlich. (Ist aber auch egal wie man den jeweiligen Sozialismus nennt.) Und die innere systemische Wirkweise von Staat funktioniert nun mal immer so. (Es führt hier zu weit, das wiederum zu erläutern. Es würde von den Staatsfans eh nicht gelesen, geschweige denn verstanden.)

Aber das Unertäglichste für diese „Minarchisten“ oder „Staatsverschlanker“ ist nun ihre eigene Logik, die ihnen beweist, dass das, was sie im Sinn haben, eigentlich anarchistisch sein muss und dass der Staat, den sie sich vorstellen, mit einer Opt-Out-Option gar nicht funktionieren kann und gar kein Staat mehr ist.

Also bleiben ihnen ja nur zwei Möglichkeiten. Entweder sie akzeptieren die Wahrheit und werden zu Quasi-„Anarchisten“ oder sie leugnen die Wahrheit ab und geben den „Anarchisten“ die Schuld, dass sie sich nicht an ihrem angeblich so „freiheitlichen“ Gesellschaftsmodell und so offenem Gedankenaustausch beteiligen.

Was ist nun glaubwürdig?

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Name: Norbert Lennartz

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