Nicht eingeloggt!

Freier Wille - revisited


 
Der Ausdruck vom »freien Willen« lädt zu eklatanten Missverständnissen ein.
Natürlich ist die metaphysische Frage relevant, ob ein freier Wille oder »vollständige Freiheit« angesichts biologischer, biographischer oder sozialer Einflussfaktoren überhaupt gegeben sein kann. Genauso wurde immer wieder diskutiert, ob die »Freiheit« etwas selbst zu entscheiden, nicht gänzlich eine Illusion sei. Ich will hier kurz eine jüngere Argumentationsweise der Deterministen behandeln (vergleiche INR5: Jerry Coyne »You Don't Have Free Will«, <youtube.com/watch?v=Ca7i-D4ddaw>).
 
Sie stellen zunächst fest, dass der Handlungswille einer materiellen Ursache vorausgegangen sein muss. Bei gleicher Konstellation aller elektrolytischen Ladungen, biochemischer und biophysikalischer Zustände müsste das Individuum zwangsläufig immer wieder gleich entscheiden. Würde man behaupten, der Wille sei vollständig frei in der Entstehung, so impliziert man damit, eine Entscheidung sei nicht an den augenblicklich materiellen Zuständen gebunden, sondern an eine nicht-materielle Existenz – d.h. ein unzulässiger Dualismus entstünde.
 
Eine nicht-physisch-verursachte »Freiheit«, die uns vom augenblicklichen, molekularen Zustand unseren Gehirns (und der damit verbundenen stochastischen Gesetze) unabhängig macht, gibt es natürlich nicht, da diese Freiheit inkompatibel mit unserer Verbundenheit an die Bestimmtheit der Gesetze der Naturwissenschaften ist. Wir können also präziser werden und sagen: Das, was »freier Wille« bezeichnen sollte, ist die funktionale, prozedurale Entscheidungsfähigkeit in dem Objekt, welches diese Entscheidungsfindung besitzt. Und das Besitzende ist gerade das Selbst. (Um dies festzustellen, reicht es, das praxeologische Werkzeug der Introspektion zu verwenden und unser Selbstbewusstsein zu schärfen.) Nun ist es profan festzustellen, dass das Material, aus dem wir bestehen, an die Gesetze der Natur gebunden ist und dass wir aus dieser Natur bestehen, wir also auch von dieser Natur, der funktionalen Prozedur, in Anspruch genommen werden, oder besser gesagt, wir nichts anders repräsentieren und sind als diese natürliche, funktionale Prozedur. Betrachten wir uns nun in dieser funktionalen Prozedur, so ist auch klar, dass sie in das integer (»frei« und »determiniert« zugleich) ist, was sie ist. Warum sollten wir uns dann darüber beschweren, was wir sind, wenn wir nur unserer Funktion und unserem Selbst nachkommen?
 
Die Vertreter des Determinismus sind aber nicht zu diesem Selbstbewusstsein vorgedrungen, sondern beklagen dementsprechend ihr bestimmtes objektives Gebunden-Sein als Teil der Natur. Dadurch implizieren sie wiederum einen Dualismus, dessen Existenz unmöglich ist, nämlich Teil der Natur zu sein und doch wieder nicht.
 
Den »Vertretern des freien Willens« etwas vorzuwerfen, ist nebenbei auch nur ein Strohmann, denn es ist bereits durch Mises aktenkundig, dass der Ausdruck vom freien Willen nicht wörtlich genommen werden darf.
 
Indem sich die Deterministen darüber beklagen, dass sie in Ihrer eigenen Natur gefangen sind, distanzieren sie sich (offensichtlich selbstzerstörend) von ihrem Selbst. Dennoch ist die »Freiheit« darin (so gefangen sie auch in ihrer eigenen Natur erscheint) immerhin so erheblich, dass wir in der Lage sind, das Chaos immer wieder aufzurufen, solange uns das funktionale Ergebnis (unserer Prozedur) bis dahin nicht gefällt, und gerade das ist es, was ein stochastisches Kalkül (eine Berechnung aufgrund der Wahrscheinlichkeit auf eine physisch bedingte Weise zu entscheiden) praktisch fast unmöglich macht – wie zum Beispiel bei der Findung eines Passwortes, was man immer benutzt. (Mises: »The choices a man makes are determined by the ideas that he adopts.«; »… nothing is known about the way in which ideas arise.«; »All the sarcasms and sneers of the positivists cannot annul the fact that ideas have a real existence and are genuine factors in shaping the course of events.«; Theory and History, p. 77-78.)

About Author

Name: Norbert Lennartz

Comments (0)

Add a Comment





Allowed tags: <b><i><br>Add a new comment: